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Sexuelle und reproduktive Gesundheit in Kinshasa

Sexuelle und reproduktive Gesundheit für junge Leute in Kinshasa

Die DR Kongo zählt weltweit zu jenen 10 Ländern mit der höchsten Anzahl an jungen Frauen, die ihr erstes Kind bereits vor dem 18. Lebensjahr zur Welt bringen.(1) Nur etwa 15 % der jungen Frauen im ganzen Land (2) verwenden moderne Verhütungsmittel. In der Hauptstadt Kinshasa beträgt der Anteil der Frauen, die verhüten, 27%. Die Ursachen: niedriges Bildungsniveau, wirtschaftliche Abhängigkeit, Mangel an Selbstbestimmung, häusliche Gewalt – kurzum: Diskriminierung.(3)

(1) UNDP Human Development Index Indicators; Adolescent birth rate. Vgl.: http://hdr.undp.org/en/indicators/36806
(2) In Kinshasa 27%
(3) Mbadu Muanda et al. : Reproductive Health (2018). Vgl.:https://doi.org/10.1186s12978-018-0517-4

…Noch nie konnten wir so offen über Sex sprechen…

Schwangerschaftsabbruch ist in der DR Kongo unter bestimmten Umständen legal. Doch viele Frauen und Mädchen, die ungewollt schwanger werden, haben nicht die nötigen Informationen und Ressourcen, um die für sie richtige Entscheidung zu treffen. Viele sterben Jahr für Jahr an unsachgemäß vorgenommenen Abtreibungen. In den zwei Jahren COVID-19-Epidemie hat sich die Situation der Mädchen und Frauen weiter verschlechtert. Schulschließungen und Betriebssperren haben sich – gerade bei den Bedürftigsten – katastrophal auf die Familienökonomie ausgewirkt und viele Frauen und Mädchen in die Prostitution getrieben. Sie sind den Sexualpraktiken ihrer „Freier“ ausgeliefert und kaum in der Lage, diese zu beeinflussen; das Ergebnis: ein Anstieg der ungewollten Schwangerschaften, bei gleichzeitig wachsendem Interesse für Verhütung und moderne Kontrazeptiva – letztere jedoch für viele unerschwinglich. „Sexuelle / reproduktive Gesundheit für Jugendliche / DR Kongo“, ein gemeinsames Projekt von: HUMANA Österreich und HPP-Congo mit freundlicher Unterstützung der Stadt Wien, MA 27, Europäische Beziehungen / Dezernat Internationale Aktivitäten, war unsere Antwort auf dieses Problem. Es wurde am 30. November 2022 nach 12-monatiger Laufzeit erfolgreich abgeschlossen. Unser Operationsgebiet, die GZ Mont Ngafula (4), liegt am südlichen Stadtrand von Kinshasa, an beiden Seiten des Lukaya-Flusses, in hügeliger Landschaft, im 27. Stadtbezirk Masanga Mbila. Diese Gegend wurde erst relativ spät – beginnend mit den 70er Jahren – besiedelt. Ursprünglich als Cottage-Viertel geplant, ist Mont Ngafula heute ein Wohngebiet der unterprivilegierten Bevölkerung – schätzungsweise 300.000 Menschen – geworden, mit mangelhafter Infrastruktur und Unterversorgung in allen Lebensbereichen.

Die jungen Leute – hier wie im ganzen Land – sind sich der Vorteile moderner Verhütungsmittel wohl bewusst und auch an ihrer Verwendung interessiert, der Zugang zu diesen ist jedoch mit vielen Hindernissen verbunden: mangelnde Information, Fehlinformationen, traditionell bedingte Vorurteile, Ablehnung der Verhütung selbst in Kreisen medizinischer DienstleisterInnen, Unerschwinglichkeit … und nicht zuletzt die weit verbreitete Tabuisierung von allem, was mit Sex zu tun hat. Um dieses Tabu zu brechen, modernes Wissen über Sexualität, Verhütung, Gleichbehandlung der Geschlechter und verbundene Themen zu vermitteln, haben wir uns entschieden, Jugendklubs zu initiieren, die gleichzeitig auch der persönlichen Kreativität der jungen Menschen Freiraum zur Entfaltung bieten.

(4) GZ = Gesundheitszone = Verwaltungseinheit des öffentlichen Gesundheitsdiensten

Jugendklubs – Freiraum für Kreativität, Entfaltung und Lernen

Junge Leute in der DR Kongo lieben es, sich an Klubs zu beteiligen. Sie bieten viele Möglichkeiten: Sie bieten Jugendlichen einen geschützten Raum, wo sie unter sich sind, Anliegen, Probleme, Erfahrungen untereinander austauschen können (unter Gleichaltrigen redet es sich einfach leichter!). Sie sind ein Forum, um das Nützliche – die Aneignung von Wissen – mit dem Angenehmen – die Entfaltung der individuellen Interessen und Fähigkeiten – zu verbinden und sind somit eine sinnvolle Freizeitgestaltung (an der es landesweit mangelt). Schließlich konnten wir 512 (5) junge Menschen aus den bedürftigsten Verhältnissen zwischen 14 und 25 Jahren für unsere Initiative interessieren, und zwar 267 Mädchen (6) und 245 Burschen. Wir haben die Jugendlichen zu insgesamt 18 Jugendklubs organisiert, jeweils zu 28 – 30 Personen.

Was die Organisierung des Klubbetriebs betrifft, so waren wir auch in diesem Fall der Meinung, dass ein hohes Maß an Selbstorganisation das Selbstbewusstsein der Beteiligten stärkt und Garant für Nachhaltigkeit ist. Die Klubs haben daher jeweils 2 Mitglieder aus ihren Reihen zu KlubleiterInnen gewählt. Diese wurden vom Projekt zu „Peer-Educators“ ausgebildet, d. h. mit den entsprechenden Fähigkeiten in Menschenführung und SRH (7) ausgebildet. Die Schulung konzentrierte sich auf Praktiken der zwischenmenschlichen Kommunikation, Methoden einer optimalen – sorgfältigen – Beratung, Prävention und Steuerung von – Umgang mit – sexuell übertragbaren Krankheiten sowie einige ebenso sichere wie allgemein erschwingliche Verhütungsmethoden/-mittel. Das Training wurde von der PNSR (8)-Konsulentin durchgeführt, die dem Projekt während der gesamten Projektlaufzeit zur Verfügung stand. Die Teilnehmer*innen erwarben hier nicht nur Kenntnisse, die ihre Arbeit als KlubleiterInnen erleichtern sollten, sondern auch in ihrem ganz persönlichen Leben einsetzbar sind. Der Klubbetrieb wurde im Februar zur Regelmäßigkeit und setzte sich die gesamte Projektdauer fort. Die Jugendlichen hatten sich auf einen Jour-fixe pro Woche für das Klubtreffen geeinigt. Die Projektleitung arbeitete unter Federführung der PNRSKonsulentin16 Schulungseinheiten aus, die beginnend mit März in allen Jugendklubs abgehalten wurden, und zwar zu folgenden Themen: Jugendliche Anatomie, Körperhygiene, Frühschwangerschaft, „Ich, der junge Mensch“, Empfängnisverhütung, Rechte des Kindes, Toleranz, HIV/AIDS und andere sexuell übertragbare Infektionskrankheiten, Schwangerschaftsabbruch, Drogenmissbrauch, Frieden, Familienplanung, Sexualität, Menstruationszyklus, Gruppenzwang, „Die Familie – ein Ort des Heranreifens“.

(5) 108 % der Zielvorgabe
(6) Das ist ein Anteil von 52%.
(7) SRH = Sexuelle und Reproduktive Gesundheit (engl. Abk.)
(8) PNSR = Nationales Programm für Reproduktive Gesundheit (frz. Abk.)

Gleichstellung der Geschlechter – zentrales Thema

Am 18. März fand im Projektbüro eine Schulung in Gender-Fragen für die 36 Peer-Educators statt. Es ging hier darum, einen modernen Gender-Ansatz zu vermitteln und die Peer Educators zu befähigen, diesen auch in ihre Klubs hineinzutragen. Es ging darum, klar zu machen, dass das traditionelle Rollenbild nicht „Natur-gewollt“, sondern ein Hemmschuh für die Entwicklung der kongolesischen Familien und der Gesellschaft insgesamt ist. – Aus der Reaktion der Schulungsteilnehmer*innen können wir schließen, dass die Informationen auf fruchtbaren Boden fielen: Sie gaben ihr Wissen in der Folge innerhalb ihrer Klubs weiter, und dies führte bereits während der Projektdauer zu gesteigertem Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Handlungsbereitschaft der jungen Frauen und Mädchen in den Klubs.

Die Brücke zum öffentlichen Gesundheitsdienst

Für den Zugang von Jugendlichen zu öffentlichen Gesundheitseinrichtungen haben wir Partnerkliniken mit SRH-Diensten und einer Spezialisierung auf die Bedürfnisse Jugendlicher gesucht. Schließlich haben wir in den lokalen Kliniken St. Rita und Lisungi für die Projektlaufzeit – und darüber hinaus – verlässliche Vertragspartner gefunden. Sie befinden sich beide in der GZ Mont Ngafula, hatten sich bereits früher auf dem Gebiet der SRH engagiert, verfügen über erfahrenes medizinisches Personal. An diesen Kliniken haben wir in Zusammenarbeit mit den Peer Educators „Jugendbereiche“ eingerichtet. Die beiden Kliniken stellten jeweils 5 medizinische Mitarbeiter*innen zur Verfügung, die in der Folge in medizinischen Fragen am Projekt mitarbeiteten, d. h. individuell berieten, im Rahmen von Klubversammlungen schulten, informierten, aufklärten und mobilisierten und sich auch an Outreach-Aktivitäten, z.B. an zwei Sensibilisierungskampagnen betreffend Verhütungsmethoden im Frühjahr und Herbst 2022, beteiligten. 223 unserer „Klubmädchen“, also 75% aller am Projekt beteiligten Mädchen, nahmen während der Projektlaufzeit die Dienste der Jugendbereiche in Anspruch, insbesondere, um sich in Fragen der Schwangerschaftsverhütung beraten zu lassen. Dieses Projekt hatte von Anfang an gute Erfolgschancen und war – laut Aussage unserer KollegInnen von HPP-Congo – das erste Entwicklungsprojekt im Lande, das mit dem gesellschaftlichen Tabu „Sexualität“ brach. Noch nie – so meinen die Klubmitglieder – konnten sie so offen über Sex sprechen. Mit dieser Intervention ist es uns tatsächlich gelungen, den kontinuierlichen Abbau dieser Hemmschwelle bei der Bevölkerung von Mont Ngafula in Gang zu setzen, jungen Menschen Wissen zu vermitteln, das sie zu Hause meist nicht bekommen und damit Frühschwangerschaften und sexuell übertragbare Krankheiten zu reduzieren. Auch jetzt, nach Projektende, geht es weiter mit den Jugendklubs. Sie treffen einander zweimal monatlich und werden von den Lokalbehörden (BezirksvertreterInnen und Gesundheitsbehörden) unterstützend begleitet. Unter diesen Voraussetzungen sind wir zuversichtlich, dass es gut weitergehen wird mit „unseren“ Jugendklubs.

/Aus dem Endbericht von HUMANA Österreich an die Stadt Wien/