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Unterricht in Muttersprache

...warum er für Kinder weltweit über Bildungserfolg entscheidet

Zum Schulstart in Österreich: 40 % weltweit betroffen, auch hierzulande ein Thema – ein Blick nach Mosambik zeigt, was Unterricht in Muttersprache bewirken kann

 

Es ist wieder so weit: In ganz Österreich starten Kinder ins neue Schuljahr. Neue Federmäppchen, frisch gekaufte Schultaschen, aufgeregte Erstklässler*innen vor dem Schultor – und ganz nebenbei wandern bei vielen Familien ausrangierte Kleidungsstücke und zu klein gewordene Schulsachen in den nächsten HUMANA-Kleidercontainer. Der Schulstart ist bei uns also auch immer ein bisschen Zeit zum Ausmisten.

Was für unsere Kinder eine Selbstverständlichkeit ist, dass die Lehrkraft in der Sprache spricht, die man von zu Hause kennt, ist für Hunderttausende Kinder in Mosambik keine Selbstverständlichkeit. Stell dir vor, du kommst als sechsjähriges Kind in die Schule, bist aufgeregt, willst endlich lesen und schreiben lernen, aber die Lehrkraft spricht eine Sprache, die du zu Hause nie gehört hast. Genau das erleben in Mosambik viele Kinder: Sie sprechen zu Hause Emakhuwa, Xichangana, Xirhonga oder eine der anderen 43 Landessprachen, während der Unterricht auf Portugiesisch stattfindet. Weltweit geht es laut UNESCO sogar 40 Prozent aller Menschen so: Sie haben nie Zugang zu Bildung in einer Sprache, die sie wirklich verstehen. Die Vereinten Nationen (UNO) betonen seit Jahrzehnten die Bedeutung des Unterrichts in der Muttersprache (auch Erstsprachenunterricht genannt) als Schlüssel zu hochwertiger, inklusiver Bildung und verankern ihn im Recht sprachlicher Minderheiten, ihre eigene Sprache zu gebrauchen (Art. 27 UN-Zivilpakt) und im Recht auf Bildung ohne Diskriminierung (u. a. UNESCO-Konvention gegen Diskriminierung im Bildungswesen, 1960).

Selbstverständlich ist das auch bei uns nicht für alle Kinder

Auch in Österreich sitzen jedes Jahr viele Erstklässler*innen in der Klasse, für die Deutsch nicht die Sprache des Zuhauses ist. Laut aktuellem Factsheet des Österreichischen Integrationsfonds hatten im Schuljahr 2024/25 österreichweit 26 Prozent der Schüler*innen eine andere Umgangssprache als Deutsch, in Wien waren es fast 49 Prozent. Mehr als 50.800 Schüler*innen galten wegen unzureichender Deutschkenntnisse als „außerordentliche Schüler*innen” – bei den Wiener Schulanfänger*innen der 0. und 1. Schulstufe war es zuletzt sogar mehr als die Hälfte. Das Problem tritt bei uns anders auf, in einem anderen Ausmaß und mit einem ganz anderen Schulsystem im Hintergrund. Aber die Grundfrage ist erstaunlich ähnlich:

Wie gut kann ein Kind lernen, wenn es die Sprache des Unterrichts erst noch entschlüsseln muss?

Das macht den Blick nach Mosambik nicht weniger relevant, sondern eher näher an unserem eigenen Schulalltag, als man zunächst denkt.

Das Ergebnis ist so vorhersehbar wie tragisch: Kinder lernen nicht nur eine neue Fähigkeit – das Lesen –, sondern gleichzeitig eine völlig neue Sprache. Viele scheitern an dieser doppelten Hürde, verlieren die Lust am Lernen und brechen die Schule in Mosambik ab, noch bevor sie ihr Potenzial zeigen konnten.

Genau hier setzt die Arbeit von ADPP Mosambik an, Mitglied des internationalen Dachverbands, die Föderation Humana People to People, zu der auch wir in Österreich gehören.

Die Muttersprache als Brücke, nicht als Hindernis

Ein zentrales Missverständnis begleitet die Diskussion um mehrsprachigen Unterricht bis heute: die Sorge, dass Kinder, die zuerst in ihrer Muttersprache lesen lernen, später Schwierigkeiten mit der Landessprache haben könnten. Die Erfahrung aus über einem Jahrzehnt Projektarbeit zeigt das Gegenteil. Wenn Kinder zuerst verstehen, was sie lesen, entwickeln sie schneller ein Gefühl für Buchstaben, Laute und Silben und übertragen diese Fähigkeiten anschließend leichter auf Portugiesisch. Die Muttersprache ist keine Ersatzsprache, sondern das Fundament, auf dem alles Weitere aufbaut.

Food for Knowledge: der erste Beweis

Zwischen 2015 und 2020 setzte ADPP Mosambik gemeinsam mit Partnern das Programm „Food for Knowledge” (FFK) in der Provinz Maputo um – eine Kombination aus Schulverpflegung, Ernährungsbildung und frühkindlichem Lesenlernen in den Sprachen Xichangana und Xirhonga. Die Zahlen sprechen für sich:

  • 28.495 Kinder profitierten vom Programm für frühe Lesefähigkeit.
  • Kinder in den bilingualen Klassen erkannten einzelne Wörter fast 250 Prozent besser als Kinder in der Kontrollgruppe.
  • Die Schulabbruchquote in den Projektdistrikten sank von 9,1 Prozent (2012) auf 5,1 Prozent (2019).
  • Fast 250.000 zweisprachige Schulbücher, Lehrerhandbücher und Lesematerialien wurden verteilt.

„Ein Kind lernt besser in der Sprache, die es zu Hause spricht. Deshalb haben wir uns für den zweisprachigen Unterricht entschieden – beginnend mit den lokal gesprochenen Sprachen”, brachte es Olivia Machel, verantwortlich für die Alphabetisierungskomponente von Food for Knowledge, auf den Punkt.

Was von FFK bleibt, ist mehr als eine abgeschlossene Projektbilanz: Die dort gesammelten Erfahrungen flossen direkt in die Provinzstrategie für zweisprachige Bildung 2021–2029 der Provinz Maputo ein. Ein Beleg dafür, dass gute Projektarbeit tatsächlich Politik verändern kann.

Leseunterricht mit Schüler*innen der 2. Klasse und ihrer Lehrerin

Apoiar a Ler: eine ganze Provinz mobilisiert sich

Aufbauend auf diesen Erfahrungen startete ADPP Mosambik 2020, finanziert von USAID und unterstützt durch HUMANA Österreich, das Projekt „Apoiar a Ler!” („Unterstützung beim Lesen!”) – diesmal in zwölf Distrikten der Provinz Nampula, einer der bildungsärmsten Regionen des Landes mit einer Schulabbruchquote von fast 47 Prozent. Ziel war es nicht nur, Kinder besser lesen zu lernen zu lassen, sondern ganze Gemeinschaften – Eltern, Schulräte, Dorfälteste, Lokalbehörden – für die Bedeutung der Muttersprache im Unterricht zu gewinnen.

Drei Jahre später, im Juli 2023, war die Bilanz eindrucksvoll:

  • 6.428 Gemeindeveranstaltungen – Vorträge, Debatten, Kampagnen – erreichten über 184.000 Menschen, mehr als geplant, trotz Corona-Beschränkungen.
  • Das Verständnis von Eltern, Betreuungspersonen und Gemeindeleiter*innen für die Vorteile zweisprachiger Bildung stieg von 45 Prozent auf 84 Prozent.
  • 73 Prozent der Eltern unterstützten ihre Kinder aktiv beim Lesen, Schreiben und Rechnen – ein enormer Sprung von einem Ausgangswert von nur 12 Prozent.
  • Die Abwesenheitsquote von Lehrkräften und Schulleitungen sank deutlich, ebenso der dadurch verlorene Unterrichtsanteil – von 39 Prozent im ersten Jahr auf nur noch 4 Prozent am Projektende.
  • 3.696 Kinder, die von einem Schulabbruch bedroht waren, konnten dank Hausbesuchen von Schulräten und ehrenamtlichen „Learning Passionates” in der Schule gehalten werden.
  • 750 Leseclubs wurden gegründet und erreichten jährlich durchschnittlich fast 27.000 Kinder in den ersten Schulstufen.

Getragen wurde all das von einer bemerkenswerten Bewegung von rund 3.750 freiwilligen „Learning Passionates” – Menschen aus den Gemeinden selbst, die aus Überzeugung Zeit investierten, weil ihnen die Bildung der Kinder am Herzen liegt.

 

P.S. Durch das Sammeln und Verkaufen von ausgemusterter Kleidung konnten wir 2023 das Projekt zur Bildung in Muttersprache “Apoiar a Ler!” mit rund 28.000€ unterstützen.

Leseclubs mit Büchern in Muttersprache

Unterricht in Muttersprache über einen Radioempfänger

Was die Zahlen für ein einzelnes Kind bedeuten

Hinter jeder Statistik steht ein Kind, das plötzlich versteht, was auf der Buchseite steht. Die abschließende Auswertung von “Apoiar a Ler” zeigt: 28 Prozent der Drittklässler*innen erreichten die Lesebenchmark in ihrer Lokalsprache – mehr als in Portugiesisch (24,1 Prozent). Auch bei den Lehrkräften zahlte sich die Investition aus: Ihr Wissen über phonologische Bewusstheit, eine Schlüsselkompetenz beim Lesenlernen, stieg von 8 auf 53 Prozent.

Genauso wichtig wie die Lernfortschritte war der Wandel in den Köpfen der Erwachsenen. Anfangs herrschte in vielen Gemeinden Skepsis: Würde Unterricht in der Lokalsprache das Erlernen von Portugiesisch nicht erschweren? Je mehr Eltern jedoch sahen, wie ihre Kinder selbstbewusster lasen und sich am Unterricht beteiligten, desto mehr wich das Misstrauen echter Unterstützung.

Was das mit deinem Kleiderschrank zu tun hat

An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu uns in Österreich – und zu dir. Wenn du ein Second-Hand-Stück bei HUMANA kaufst oder Kleidung in einem unserer Container abgibst, ist das kein Almosen, sondern der Anfang einer Kette: Aus dem Verkauf der gespendeten und wiederverkauften Kleidung entsteht ein Gewinn, und genau dieser Gewinn fließt in Entwicklungsprojekte unserer Partnerorganisationen im Globalen Süden. Unter anderem nach Mosambik, wo ADPP seit Jahren genau die Art von Bildungsarbeit leistet, die wir in diesem Beitrag beschrieben haben.

Mit anderen Worten: Der Pullover, den du bei uns kaufst, oder der Sack Kleidung, den du in den HUMANA-Kleidercontainer gibst, steckt am Ende buchstäblich in einem Lesebuch in Emakhuwa, in der Ausbildung einer Lehrkraft in Nampula oder in einem Hausbesuch, mit dem ein Kind vor dem Schulabbruch bewahrt wird. Kein Umweg über abstrakte Statistiken, sondern ein direkter Weg von deinem Kleiderschrank in ein Klassenzimmer, in dem ein Kind zum ersten Mal ein Wort liest, das es versteht.

Gleichzeitig tust du damit noch etwas anderes Gutes: Du verlängerst das Leben eines Kleidungsstücks, sparst Ressourcen, Wasser und CO₂, die für neue Produktion nötig wären, und schaffst grüne Arbeitsplätze bei uns in Österreich. Ein einfacher Griff in den Kleiderschrank wird so Teil einer Kette, die von Wien bis Nampula reicht.

Warum das auch uns in Österreich betrifft

Als Teil des internationalen Netzwerks von Humana People to People sehen wir Projekte wie “Food for Knowledge” und “Apoiar a Ler!” als lebendigen Beweis dafür, dass Bildungsarbeit vor Ort etwas bewegt, wenn sie die Sprache der Menschen ernst nimmt.

Es geht nicht darum, Portugiesisch zu verdrängen, sondern darum, jedem Kind einen fairen Start zu ermöglichen: erst verstehen, dann lesen, dann die Welt entdecken.

Aktuell führt ADPP Mosambik kein neues, eigenständiges Projekt zur zweisprachigen Bildung durch. Doch die Erfahrungen, ausgebildeten Lehrkräfte, Unterrichtsmaterialien und vor allem das Vertrauen der Gemeinden bleiben bestehen und fließen in künftige Initiativen und in die Bildungsstrategien der mosambikanischen Provinzen ein.

Und genau deshalb lohnt sich jeder Besuch in einem unserer Vintage & Second Hand Shops und jede Kleiderspende im HUMANA-Kleidercontainer.
 

Sie ist kein abstrakter Beitrag „irgendwo in Afrika”, sondern ein sehr konkreter: zu Kindern, die lesen lernen, zu Eltern, die ihre Kinder zum ersten Mal beim Hausaufgabenmachen unterstützen können, und zu Gemeinden, die ihre eigene Sprache im Klassenzimmer wiederfinden. Schau gerne in einer unserer Filialen vorbei, stöbere und wisse, dass hinter jedem Kleidungsstück eine Geschichte wie die von Nampula steht.

Gerade jetzt, zum Schulstart, zählt deine Spende doppelt

Während du also zu Hause die letzten zu klein gewordenen Pullover und Hosen vom Vorjahr aussortierst, denk ruhig kurz daran, was daraus werden kann: HUMANA Österreich sammelt seit 40 Jahren Kleidung, betreibt mittlerweile rund 2.600 Kleidercontainer und 20 Second Hand Shops in Wien, Graz und Salzburg und konnte allein in den letzten drei Jahren mehr als 2 Millionen Euro für Entwicklungszusammenarbeit aufbringen. Ein Teil davon fließt in genau jene Bildungsprojekte, die wir hier vorgestellt haben.

Der Schulstart bei uns in Österreich und der Schulstart in Nampula haben also mehr miteinander zu tun, als man zunächst denkt: Hier wie dort geht es darum, dass Kinder gut vorbereitet und mit den richtigen Werkzeugen ins Klassenzimmer kommen. Bei uns sind das Federmäppchen und Schultasche.

In Mosambik ist das oft einfach: ein Buch in der eigenen Sprache.

Klicke auf den folgenden Link um das Projekt unserer Partnerorganisation ADPP Mozambique zu entdecken: ADPP Mozambique – Bildung in Muttersprache